JAHRESBERICHT FÜR DAS JAHR 2007

ARMUT UND REICHTUM ALS HERAUSFORDERUNG FÜR UNSERE GEMEINDE


Anstelle eines Vorworts
Die alte Kirche sprach von den Armen als einem Sakrament.  Die Begegnung mit dem leiblichen bedürftigen Menschen hat heilsvermittelnden Charakter. Daß diese Würdigung der Gemeinschaft mit den Armen nicht zu hoch greift, bestätigt sich etwa an dem Zusammenhang, den Martin Luther im Großen Katechismus zwischen Sakrament und Ethos hergestellt hat.  Sie hat aber ihren letzten, einfachen Grund im Wort Jesu selbst: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben… Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,35.40) Das ist das verbum institutionis des Sakraments der diakonischen Gemeinschaft mit dem Armen.


Zur Situation in unserem Gemeindegebiet
Die Stadtteile Arsten und Habenhausen zählen beide nicht zu den sozialen Problemzonen unserer Stadt. Habenhausen liegt im Sozialranking der Stadt auf dem 78. Platz von 79 Plätzen, Arsten ist in den letzten Jahren abgesunken und steht nun an 57. Stelle. Wir befinden uns sozusagen auf der Gewinnerseite der von der Arbeitnehmerkammer beschriebenen „sozialen Spaltung der Stadt“. Nur gelegentlich klingeln Menschen an der Tür unserer Gemeinde- und Pfarrhäuser und betteln um Geld oder Essen. Im Blick auf die gesellschaftliche Wohlstandsverteilung stellt sich insgesamt mehr die Aufgabe, vorhandenes Vermögen an soziale Zwecke im Einzugsbereich der Gemeinde, aber auch darüber hinaus zu vermitteln und in diesem Sinne als Katalysator des Ausgleichs zu wirken. Gerade im Blick auf die eigenen Aufgaben befindet sich die Gemeinde damit in einer zwar nicht luxuriösen, verglichen mit vielen anderen gemeindlichen Lebenssituationen aber günstigen Position.
  Zwei Ausnahmen sind allerdings zu nennen: Zum einen das in den 70er Jahren errichtete Wohnviertel um die Martin-Buber-Straße im Stadtteil Arsten, das mittlerweile einen hohen Anteil von Bewohnern mit Migrationshintergrund aufweist, u.zw. mit den für solche Wohnlagen erschwerenden Mischungsfaktoren: Hier finden sich Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Nahen Osten und v.a. zahlreiche Russlanddeutsche. Für diese Menschen ist natürlich auch Arbeitslosigkeit, wiewohl keine akute Armut Kofaktor für soziale Spannungen. Nach meiner Kenntnis wird die Region seitens der Polizei als „Angstort“ rubriziert.
  Auch in Habenhausen gibt es einen Kristallisationspunkt sozialer Probleme: das Übergangswohnheim für Asyl-Bewerber in der Steinsetzerstraße. Gegenüber früheren Jahren hat sich die Zusammensetzung des Personenkreises in diesem Haus stark verändert, und bekanntermaßen ist der Andrang von Asylbewerbern insgesamt  infolge restriktiverer Gesetzgebung und Fallbehandlung zurückgegangen.


Aktivitäten unserer Gemeinde im Blick auf den sozialen Ausgleich vor Ort
Die Gemeinde ist mit unterschiedlicher Intensität in den genannten Problemfeldern engagiert.

Martin-Buber-Straße
Mit einer Problemanzeige soll begonnen werden. Der soziale Brennpunkt an der Martin-Buber-Straße ist bisher kaum im Bewußtsein und Handlungsfeld der Gemeinde gegenwärtig. Die Pastoren nehmen Amtshandlungen in den einschlägigen Wohnkomplexen wahr, der Besuchsdienst mit der Gemeindeschwester an der Spitze sucht die Gemeindemitglieder jährlich zu den hohen Geburtstagen auf, und wir erfahren bei Gesprächen en passant von den Spannungen vor Ort. Ich persönlich habe mich vor einigen Jahren beim damaligen Kontaktpolizisten über die Situation und über bisherige Bemühungen zur Verbesserung erkundigt: Hauptursächlich ist danach die Wohnungsvergabe durch die Wohneigentümer, die, gerade im Blick auf die angespannte Marktlage, rein nach betriebswirtschaftlichen Kriterien vorgehen. Bemühungen um die Region durch den Einsatz von Sozialarbeitern u.ä. sind gescheitert. Durch einen zufälligen Kontakt mit einer Bewohnerin aus der Nachbarschaft habe ich erfahren, daß in dem Hauptproblemgebäude Martin-Buber-Straße 5 kein Wohnraum zur Verfügung steht, um etwa ein offenes Café einzurichten. Der Freundeskreis dieser Dame ist dann von der Überlegung, sich in dieser Gegend insbesondere für die Jugendlichen verläßlich zu engagieren, wieder zurückgetreten.
  Summa summarum: die Gemeinde hat momentan keinen Zugang zu der sakramentalen Erfahrung der Gemeinschaft zwischen Arm und Reich, Fremd und Einheimisch, die ihr hier geboten ist.

Wohnheim für Asylsuchende in der Steinsetzerstraße
Kurz nach der Einrichtung dieses Wohnheimes im September 1992 formierte sich in der Gemeinde ein Asyl-Kreis, der sich ihren Bewohnern im Rahmen einer offenen Teestube widmet. Regelmäßig kommen Mitglieder des Kreises ins Haus, um sich zum Gespräch anzubieten oder bei Bedarf deutsche Sprachkenntnisse zu vermitteln. Gäste und Gastgeber profitieren gleichermaßen von diesen Begegnungen. Kindern wird die Möglichkeit eingeräumt, sich in einem Spielzimmer aufzuhalten.
Dieser Kreis trägt seine Erfahrungen und Themen aber zugleich in die Gemeinde hinein. Die Mitglieder sind z. T. auch anderenorts in Bremen mit Flüchtlingsschicksalen befaßt und repräsentieren somit für die Gemeinde eine hohe politische Sachkompetenz. Insbesondere in Gottesdiensten, die in Zusammenarbeit mit dem Kreis stattfinden, werden Probleme aus ihrem Gesichtskreis an die weitere Gemeindeöffentlichkeit getragen. So haben wir uns in einem Gottesdienst im Jahr 2005 mit der Gefahr der Ausweisung von mittlerweile schon weitgehend integrierten kurdischen Mitbürgern beschäftigt und dazu auch Betroffene eingeladen. Im Jahr 2007 hat der Asyl-Kreis einen Gottesdienst zum Thema „Festung Europa“ ausgerichtet, der nach meiner Wahrnehmung sehr eindrucksvoll die Vorgänge an den Außengrenzen Europas ins Bewußtsein gehoben hat. Gerade an diesen Gottesdiensten wird deutlich, welche Bedeutung das Vorhandensein eines solchen Kreises für die Gemeinde hat: Er steuert der Gefahr eines Rückzugs der lokalen Christengemeinde auf das Milieu und einer Fixierung auf die eigenen Bedürfnisse. Er leitet Grenzüberschreitungen in die Wege, durch die die göttliche Grenzüberschreitung im Geschehen der Inkarnation für uns leibhaftig erfahrbar wird.

Sozialer Ausgleich durch Fundraising
Wir befinden uns nach meiner Wahrnehmung gesamtgesellschaftlich in einem Prozeß, der die sozialstaatliche Verrechtlichung von Fürsorge sowie überhaupt des Ausgleichs von Arm und Reich, wie er das vergangene Jahrhundert begleitet hat, wieder zurückschraubt zugunsten des sozialen Mäzenatentums. Dieser Vorgang vereinigt Vorteile und Nachteile. Das ergibt sich m.E. schon aus biblischer Perspektive, ganz abgesehen von den ordnungspolitischen und ethischen Gesichtspunkten, die hier gegeneinander abzuwägen sind: Die Heilige Schrift, insbesondere das Alte Testament kennt eine quasi-rechtliche Pflicht des Vermögenden zur Fürsorge für den Armen. Sie kennt aber nicht auch einen rechtlichen Anspruch des Armen auf die Fürsorge durch den Reichen.
  Für die Kirchengemeinde ergibt sich damit die Aufgabe, neben der eigenen Hilfebestellung für die Armen die Reichen in ihrer öffentlichen Verkündigung auf ihre Möglichkeiten anzusprechen und mehr noch gezielte und strukturierte Betätigungsfelder für die Entfaltung dieser Gaben zu entwickeln, wenn man so will, eine Hilfestellung im Blick auf den Sachverhalt: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern.“ (Lk 12,48)
  Gerade so sind die Einrichtung der Schaffergesellschaft als Förderverein für das „Gemeindeleben in Bereich des Simon-Petrus-Gemeindezentrums“ (so die Vereinssatzung) im Jahr 2007 und die für das Jahr 2008 schon beschlossene Gründung einer Gemeindestiftung, die zunächst die 2009 entstehende Vakanz im Bereich der Besuchsdiakonie der Gemeinde auffangen soll, zu verstehen. Beide Institutionen wollen einerseits Vermögende locken, in größerem Umfang finanziell für die Gemeinde aktiv zu werden, und arbeiten mit den entsprechenden Formen des Fundraisings (Schaffermahl als gesellschaftliches Ereignis mit Redebeiträgen von herausragenden Vertretern des öffentlichen Lebens; Fundraisinggespräche). Sie zielen aber zugleich auf das „normale“ Gemeindeglied (Einzelspenden; Stiftungscafé im Sommer mit gespendetem Kuchen). Sie versuchen also in ihren eigenen Betätigungsfeldern den Wesenszug der christlichen Gemeinde zu realisieren, in Überschreitung der irdisch-sozialen Stratifikationslinien Arm und Reich zusammenzuführen.


Internationale Kontakte der Gemeinde
In einer globalisierten Welt, in Wahrheit aber schon aufgrund der der Kirche wesenseigenen Internationalität ist Arm und Reich aber nicht nur ein Thema im Blick auf die Gegensätze im eigenen Einzugsbereich. Darum sollen kurz auch die Kontakte der Gemeinde ins Ausland angesprochen werden:

Kinderheim in Casa Belén: Seit ca. dreißig Jahren veranstaltet die Gemeinde ihren Adventsbasar zugunsten eines Kinderheimes in den Slums von Perus Hauptstadt Lima. Regelmäßig sind auf diese Weise mehrere tausend Euro zusammengekommen. Im Jahr 2007 konnte durch eine Erweiterung des Basars das Ergebnis verbessert und der Besucherkreis erweitert werden. Hieran ist weiterzuarbeiten, um den Basar auf dem Markt der Basare nicht an den Rand geraten zu lassen.

Gemeindepartnerschaft mit Zdunska Wola und Lask/ Polen: Im Jahr 1984 nahm unsere Gemeinde Kontakt mit zunächst drei, später zwei Gemeinden in den zentralpolnischen Städten Zdunska Wola und Lask auf. Vor der Wende sind mehrfach Hilfslieferungen an diese Gemeinden gegangen. Regelmäßig finden Besuche statt, durch die mittlerweile persönliche Beziehungen gewachsen sind. Das Engagement des leitenden Ehepaars Wagner ist im letzten Jahr durch die Schaffergesellschaft mit dem erstmalig vergebenen Habenhauser Friedenspreis ausgezeichnet worden. Seit etwa 2005 hat die Gemeinde insbesondere durch Kollekten etwa 6.000 € für eine Diakoniestation gesammelt, die in der Lasker Gemeinde medizinische Geräte an bedürftige Ältere ausleiht, damit die Räumlichkeiten renoviert werden können und die Arbeit verstetigt werden kann.

Patenschaften der Kindernothilfe: Die Gemeinde finanziert aus ihrem Haushalt seit Jahren vier Patenschaften der Kindernothilfe. Es ist angedacht, diese Patenschaften jetzt in eine Projektpartnerschaft zu überführen, weil es in der Gemeinde Vorbehalte gegenüber der Einzelförderung gibt und so leichter persönliche Kontakte zu den Empfängern unseres Geldes aufgebaut werden können.
Patenschaft für ein palästinensisches Kind in Palästina: Ebenfalls aus dem Gemeindehaushalt wird über das Berliner Missionswerk ein Kind in Beit Sahur unterstützt. Hier ist geplant, in Zukunft der Ertrag einzusetzen, den zwei Damen durch den Verkauf von Waren aus fairem Handel bei diversen Gemeindeveranstaltungen erzielen.

Eine-Welt-Laden: Diese Einrichtung, mit viel Aufwand und Energie betrieben, stellt einen weiteren Beitrag zur Linderung des internationalen Wohlstandsgefälles durch die Kirchengemeinde dar.

  Die Auslandskontakte der Gemeinde sind im vergangenen Jahr in unserem Ökumene-Ausschuß gesichtet worden. Sie sollen bis auf weiteres bestehen bleiben, aber besser in die Gemeinde hineinvermittelt werden. Die Beratungsergebnisse werden in diesem Jahr in einem Konzept gebündelt, das der Gemeindevertretung zur Beschlußfassung vorgelegt wird.
  Aus Einzelgesprächen weiß ich, daß der Blick über den Tellerrand angesichts der angespannten Finanzsituation auch unserer Gemeinde schwerer fällt: Das Engagement für die Diakoniestation in Polen wird offenbar in der Gemeinde auch kritisch gesehen (hier ist in der Tat genau zu prüfen, daß wir öffentliche Haushalte nicht ihrer Pflichten entledigen). Man schlägt vor, den Basarerlös in Zukunft Gemeindezwecken zuzuführen. Angesichts solcher veränderter Haltungen scheinen mir persönliche Kontakte zu den Partnereinrichtungen und –gemeinden umso wichtiger. Weniger an einer Steigerung der Einnahmen als an der Förderung leibhaftiger Begegnungen muß der Gemeinde gelegen sein. Die Unterstützung der polnischen Gemeinde in Lask, aber auch der größere Basarertrag neben den vielen zusätzlichen  Spenden, die durch die Schaffermahle (einige zigtausend Euro in fünf Jahren) und die Stiftungsinitiative (ca. 15.000 € in einem Jahr) eingegangen sind, zeigen mir allerdings, daß hier nicht von vornherein von einer Konkurrenz ausgegangen werden muß.


Schlußwort und Perspektive
Die Inventur unserer Gemeinde zum Stichwort Armut und Reichtum macht auf genutzte und ungenutzte Potentiale aufmerksam. Es geht hier nicht eigentlich um eine „Verantwortung“, die die Gemeinde zu übernehmen hätte. Es geht um die Dynamik, die in der Begegnung und Überwindung von Gegensätzen für das Leben der Gemeinde und ihrer Glieder freigesetzt werden kann. In Fall des Gegensatzes von Arm und Reich ist hier nach dem Wort unseres Herrn besonders viel Dynamik zu erwarten – was einschlägige menschliche Erfahrungen dann auch nur bestätigen können, so sehr die Zusammenführung und der Ausgleich dieses Gegensatzes große Anstrengung verlangen. Arbeiten wir in der Gemeinde an dieser Front, werden wir vielleicht kein quantitatives Wachstum erzielen in Mitgliedschaft und Finanzkraft, aber eine Vertiefung unseres geistlichen Lebens. Zuletzt können wir nur darauf hoffen, daß der Heilige Geist uns das schenkt.


Christian Schulken, Pastor und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

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